Nachdem die anderen Partygäste die Bibliothek mit dem kalten Buffet vertauscht hatten, saßen nur noch Krzysztof und ich vor dem Kaminfeuer. Das leuchtete rot und nur selten sprangen knisternd einige Funken hoch. Wir sinnierten still vor uns hin und beobachteten im Widerschein der Holzscheite die rote Farbe des Weins im Glas.

Er war Inhaber einer Gastprofessur für Politik und Soziologie an der kleinen Universität, und wir hatten manches Streitgespräch geführt, aber dann siegte meistens der Wein.

So auch heute. “Erzähl mir, wer du bist”. Ich schaute ihn überrascht an. “Du kennst mich doch”, dachte ich, was sollte ich also erzählen.
“Sprich über deine Kindheit”.

Meine Kindheit. Wo beginnen. Er war schätzungsweise 10 Jahre jünger als ich, aber nach dem Woher und Wohin hatten wir einander nie befragt. Und weil er wieder sein Glas gegen den Kamin geneigt hielt, dachte ich nach und erzählte ihm etwas über meine kindlichen Schlittenfahrten im eiskalten Winter (1943)    Nichts Aufregendes, das wieder ein Streitgespräch entstehen ließe. Die Stimmung war so wunderbar entspannt.

“Ich hatte einen Schlitten”, begann ich. Er war sozusagen das Familienerbstück und würde heutzutage als Blumenhocker fungieren, gäbe es ihn denn noch. Er hatte schmale Metallkufen, war höher als moderne Schlitten. Der Sitz hatte die Form einer großen Acht. Der Lack war nirgendwo abgesplittert, die Farbe war ein helles Gelb.

Ich blinzelte in Krzysztofs Ecke. Nein, er schlief nicht. Offensichtlich wollte er mehr über meinen antiken Schlitten hören. Wir waren etwa 30 Kinder, die zur Abfahrt auf einem steilen Berg ihre Schlitten aneinander banden. Und wie immer erhielt mein altmodisches Gefährt den letzten Platz. Das stellte sicher, dass er umstürzte und ich in der ersten Schneewehe relativ weich zu Fall kam.

Nette Nachbarkinder. Sie ließen mich also im weichen Schnee zurück, während mein verhinderter Blumenhocker das Ende der Schlittenreise mitmachte. Die Nachbarkinder kamen den Berg wieder hinauf, und immer zog einer von ihnen meinen gelben Schlitten mit und gab ihn mir zurück. “Warum muss ich immer die letzte Position haben”,  maulte ich. Weil du einfach noch zu klein bist. Der Berg ist tückisch und die Fahrt viel zu schnell für dich!”

Eines Tages würde ich auch einen modernen Schlitten haben…, was aus Armut nie geschah.

Ich erklärte Krzysztof, dass rechts von dem Hang, jedoch noch oberhalb der Feuchtwiesen meine Großmutter seit Jahren Ackerland gepachtet hatte, um darauf Kräuter, Gemüse und Obst zu ziehen.

Hoffentlich hatte ich meinen Zuhörer nun zum Einschlafen gebracht. Noch ein Schluck aus dem Glas und ich würde mich auch ans Buffet verziehen.

Da traf mich ein hellwacher Blick aus seinen Augen.   “Sag’ mir, wo das war! Ich kenne den Platz!”   Na, das war unerwartet.   “Schneidemühl in Westpreußen war es.  Der Hang hieß Sandberg”.  –   “Piła”, antwortete er.

http://de.wikipedia.org/wiki/Pi%C5%82a

Ich erzählte ihm von meinem Großvater, den die Russen 1945 aus Gestapo-Haft befreiten, der nie wieder etwas mit Deutschland zu tun haben wollte. Der als Eisenbahnschlosser wieder eine Anstellung fand. Auf den ich nach einigen Monaten der Übersiedlung von Hamburg aus so rasch verzichten musste, den ich nie wiedersah und der 1948 in Schneidemühl starb.

Krzysztof erzählte mir, dass sein Vater die Leitung des  Eisenbahnknotenpunkts Piła übernommen hatte und er auch auf dem Sandberg gerodelt war – eben nur etliche Jahre später als ich.

Rührung und Rotwein machten es wohl, dass wir dann Schulter an Schulter einige Tränen vergossen, bevor wir den Rest der Freunde am Buffet aufsuchten.

Wir leben in einer solch’ kleinen Welt, die außergewöhnliche Zusammentreffen ermöglicht.

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