Ob Lydia noch lebt? Sie müsste dann beinahe 100 Jahre alt sein.

Eindlich mal wieder ein Dach über dem Kopf, in einem Häuschen, das nicht den säuerlichen Geruch nach Wanzen verströmte. Ab dem 6. Januar 1945 waren wir in einem Flüchtlingstreck unterwegs, in Schneidemühl/Westpreußen zusammengestellt von den Nazis, die uns gen Westen schickten.

Die reichen Junker waren bereits in Sicherheit. Die meisten hatten Verwandte im Westen, unsere Familie hatte ihr kleines Einkommen, das war’s!

Jetzt war es März geworden. Dieser kleine Teil des großen Elendstrecks verweilte in Steinwehr/Pommern. Wir alle waren kurz vor dem Verhungern, falls sich jemand der heutigen Generation vorstellen kann, wie sich das anfühlt.

Im kleinen Erker vor dem Haus standen die Bäuerin und ihre Helferin LYDIA. Beide lächelten uns an und führten uns in das Haus. Wir waren durchgefroren und hungrig.

Der grüne Kachelofen in der großen Wohnstube strahlte wunderbare Wärme aus, die Pellkartoffeln auf dem Tisch dampften, eine Specksoße in einer großen Schüssel verströmte einen solchen Duft, dass die Gier einfach zuzulangen, trotz der vom Hunger schmerzenden Mägen überwältigend war. In der Soße lagen viele hartgekochte Eier. Und ich als kleinstes Kind des Trecks, erhielt ein Glas Milch!

Ich wurde wach, als ich auf einem breiten und kuscheligen Schoß Platz gefunden hatte. Lydia hatte mich auf den Arm genommen und in den Schlaf geschaukelt.

Der alte Bauer und seine Söhne hatte inzwischen in einigen kleinen Räumen mit Brettern Verschläge abgeteilt, die mit Stroh und Heu aufgefüllt waren. Keine Wanzen mit ihrem widerlichen Geruch, keine Läuse, keine Flöhe – es war so friedlich. Und immer wieder Lydia, die Zwangsarbeiterin aus der Ukraine.

Sie mochte mich.   Meine erschöpfte Mutter und Großmutter gewannen neue Kraft nach der Zick-Zack-Reise der Flucht, je nach Frontverlauf.

Kein aufgetautes Wasser in den Bächen, keine Seife, dafür Krätzemilben, die heute noch die Male auf meiner Haut aufweisen in Form von blassen Stellen.

2 Monate in Tannenhütten, verdreckten Häusern, in Unrat waren vorbei, der Krieg jedoch wurde fortgeführt. Er hielt nur für einige Wochen inne.

Eines Tages erging der Befehl, dass Lydia sich melden solle. Die Nazis und Russen hatten offensichtlich ein Auslieferungsabkommen für bestimmte Zwangsarbeiter ausgehandelt. Lydia wollte nicht fort von uns. Die Russen töten mich. Sie halten mich für eine Verräterin, weil ich für Deutsche gearbeitet habe…..

Am nächsten Morgen ganz früh, verließ sie uns dann. Als sie sah, dass auch wir traurig waren, zwang sie sich zu einem Lächeln. “Nach Hause, nach Hause” sang sie und hüpfte dazu. Nach Hause in die Ukraine.

Wir haben nichts mehr von Lydia gehört, denn schon bald überrollte uns die Front.

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